Pädagogisches Konzept

 „Wer die Augen vor der Vergangenheit verschließt, wird blind für die Gegenwart.“ (R. Weizsäcker)

Das pädagogische Konzept der Schülerbegegnung. 

„Ein wichtiges Ziel des Geschichtsunterrichts ist, die Orientierung der Schüler in ihrer Gegenwart und die Teilhabe an der Geschichtskultur zu unterstützen und zu fördern. In diesem Sinne liegt der Fokus auf gesellschaftlich relevanten Themen, die an die Lebenswelt der Schüler anknüpfen und das kulturelle Gedächtnis der Gesellschaft berücksichtigen.“ (vgl. Lehrplan Thüringen, Endfassung 2012: LP_GY_Geschichte _Endfassug_150213.pdf, S.5)

Diesen Anspruch muss sich der Geschichtsunterricht der deutschen Abteilung der DSA in besonderer Weise zu eigen machen. Er fordert zu einem Perspektivenwechsel im Geschichtsunterricht auf. So werden zentrale Themen des Geschichtsunterrichts: Nationalsozialismus, 2. Weltkrieg, nationalsozialistische Besatzungspolitik aus der Sicht der Besetzten und Opfer betrachtet.

Am Beispiel der Märtyrergemeinden Distomo und Kalavryta, die in keinem deutschen Unterrichtswerk erwähnt werden, werden Praxis und Folgen der deutschen Besatzungspolitik zusammen mit den Nachkommen der Opfer aufgearbeitet und analysiert.

 

Didaktische Zielsetzung

Grundsätzliches Ziel des Unterrichtsfachs Geschichte ist die Ausbildung und Förderung eines eigenständigen historischen Denkens. „Die selbstständige und reflektierte Auseinandersetzung mit Geschichte bildet eine Grundlage für die Orientierung der Lernenden in ihrer gegenwärtigen Lebenswelt und ermöglicht ihnen einen mündigen Umgang mit den vielfältigen Deutungs- und Identifikationsangeboten der Geschichtskultur.“1)

Der moderne Geschichtsunterricht ist gekennzeichnet durch seinen kommunikativen und handlungsorientierten Ansatz. Der Erwerb von Kompetenzen steht dabei im Mittelpunkt. Sie sollen dem Schüler die Möglichkeit geben, sich umfassend mit historischen Sachverhalten oder Ereignissen auseinanderzusetzten und zwar nicht nur theoretisch, kognitiv, sondern auch praktisch. In unserem Fall erfolgt die Auseinandersetzung in der gelebten Begegnung mit den Nachkommen der Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen in Distomo.  

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Zu den Methoden

Dem Lehrer stehen eine Vielfalt an Möglichkeiten zur Verfügung, um historische Themen oder Inhalte (in diesem Fall die NS-Zeit: Machtübernahme, NS Ideologie und Diktatur, deutsche Besatzungspolitik, 2. Weltkrieg, Holocaust und Widerstand) an die Schüler weiter zu vermitteln. Mit Hilfe unterschiedlicher Methoden, u. a. Gruppenarbeiten, Referate und Rollenspiele, soll es dem Schüler gelingen sich eigenständig mit Originaltexten, Abbildungen, Statistiken, historischen Urteilen und Sachtexten zu beschäftigen und  sich kritisch mit der Thematik auseinanderzusetzen.

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Inhaltliche Vorbereitung und Unterrichtsplanung

Eine Ausstellung in der Klasse zum Thema „2. Weltkrieg in Griechenland“ soll den Schülern einen ersten Ein- und Überblick über die Komplexität der Problematik geben. Die Ausstellung ist in 4 Stationen gegliedert und beschäftigt sich mit 1) der innenpolitischen Situation Griechenlands vor dem 2. Weltkrieg (die Entstehung der Diktatur Metaxas) und den Hintergründen für den Einmarsch und die Besetzung Griechenlands durch Hitlerdeutschland, 2) der Praxis der deutschen Besatzungspolitik am Beispiel Distomo und Kalavryta und deren  Folgen 3) und dem griechischen Widerstand. Die 4. Station widmet sich persönlichen Einzelschicksalen (zum Beispiel: dem Überlebenden des Massakers von Distomo A. Sfountouris, griechischen Widerstandskämpfern oder dem Schicksal jüdischer Mitbürger Griechenlands).

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Über die konkrete Arbeit in der Klasse

Erfahrungsgemäß zeigen die Schüler großes Interesse an der Ausstellung und sind von den Bildern und Augenzeugenberichten tief betroffen. Im  anschließenden Unterrichtsgespräch werden die Hintergründe für die deutsche Besatzung, ihre Merkmale und ihre Folgen nochmals gemeinsam aufgearbeitet, geordnet und strukturiert. Viele Schüler sind erschüttert vom Ausmaß der Verbrechen, besonders das Video der Augenzeugen aus Kalavryta löst in jedem  Jahrgang eine heftige Debatte über Schuld und Verantwortung aus. „Tragen wir, 70 Jahre nach dem 2. WK, noch Schuld an den Verbrechen unserer Großeltern?“ oder: „Wäre es nicht angemessener, angesichts der Gräueltaten, die Geschichte auf sich ruhen zu lassen? Was bringt den Überlebenden die Suche nach den Verantwortlichen der Verbrechen?“

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Unterrichtliche Voraussetzung und emotionale Vorbereitung der Schüler

Gerade was die Auseinandersetzung mit den Gräueltaten der Nationalsozialisten während des 2. Weltkrieges angeht, treffen wir hier eine besondere Schülersituation an. Die Mehrzahl der Schüler/innen der DSA aus der deutschen Abteilung kommt aus bikulturellen Ehen mit griechisch/deutschem Elternteil. Sie sehen diesen Teil der Vergangenheit vielfach multiperspektivisch, d.h. aus der griechischen als auch aus der deutschen Sicht. Daraus  entsteht bei vielen eine emotionelle Spannung, die eine Schülerin in der Beschäftigung mit den Massakern in Kalavryta und Distomo sehr treffend formulierte: “Wie begegne ich den Menschen in Distomo? Als Deutsche oder als Griechin? Als Griechin empfinde ich Trauer, als Deutsche fühle ich mich schuldig.“

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